| « Zurück: Auf den Trümmern von Atlantis-Leo Frobenius ... | | | Weiter: Authentizität - Erfahrungen und Gedanken ein... » |
|---|
Seit ich in Museen Ausstellungen und Magazine besuche und die Sammlungsunterlagen einsehen kann, habe ich mich immer wieder gefragt:
Warum gibt es aus der Zeit vor 1860 fast keine Afrikanischen Masken
und Figuren in den Sammlungen?
Meine erste Erklärung war, dass in diesem Zeitraum der Einfluss der Kirche zu stark war, und Probleme mit konkurrierenden Religionen und Kulturen damals unter anderem gern mit Hilfe des Feuers gelöst wurden. Die Stücke wurden als Abbilder des oder der Teufel angesehen und verbrannt.
![]()
Bild "Abb.1 Fragment eines Fliegenwedels und Fliegenwedelgriff von den Gesellschaftsinseln, Museum Göttingen (Cat.42/41)"
Eigenartigerweise befanden sich jedoch in den Kunstkammern (wie wir gehört haben) auch “Götzen” anderer Kontinente z.B. Amerika.
Und:
Schon ab Ende des 18. Jahrhunderts, spätestens mit den drei Welt- und Sammelreisen von James COOK (1768-80) kamen aus der Südsee und von der Nordwestküste Amerikas große Sammlungen nach Europa, die auch Figuren (Götzen) enthielten.
![]()
Bild ""Götze", Museum Herrenhut"
Bildquelle: Museum Herrenhut
![]()
Bild "Abb.3 Federbildnis ki'i hulu manu, Hawai'i , Museum Göttingen (Cat.254)"
Bildquelle: Museum Göttingen
Am Rande: Die damals 350 Stücke COOK/FORSTER (& Forster) wurden bereits 1782 für das Academische Museum der Universität Göttingen angekauft. So konnte am 23. Juli 1800 Arthur Schopenhauer, 12-jährig, bei einem Museumsbesuch schreiben:
“.. auch sahen wir einen Götzen der Otaheiter, der einen hässlichen Kopf von rothen Federn, u. mit grossen Zähnen vorstellt. Dann sahen wir noch einige andere Götzen ...” (PETERMANN 2004, S.277).
Warum also keine Afrikanischen Figuren und Masken?
![]()
Bild "Abb.4 Portrait Jens Kraft"
1760 veröffentlichte der Däne Jens KRAFT sein kleines Buch “Kort Fortælning af de Vilde Folks fornemeste Indretninger, Skikke og Meninger, til Oplysning af menneskeliges Oprindelse og Fremgang i Almindelighed” “Kurzer Bericht über die vornehmlichsten Einrichtungen, Sitten und Auffassungen der wilden Völker”.
Seitdem ist man in Dänemark der Ansicht, daß ein Däne der erste Ethnologe der Wissenschaftsgeschichte war. (Notiz: Kraft kam aus Norwegen - damals Dänisch besetzt - und hatte Deutsche Vorfahren.) Angezweifelt wurde das zwar von den neidischen Nachbarn, widerlegt wurde es allerdings nicht.
Vor allem in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert nahm unter den seefahrenden, euopäischen Nationen die Zahl der wissenschaftlich motivierten und durch Wissenschaftler begleiteten Welt- und Sammelreisen erheblich zu.
Einige Namen seien hier genannt:
Weitere Links, Lebensläufe und mehr Angaben zu dieser Zeit findet Ihr / finden Sie unter:
de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:Entdecker_(18._Jahrhundert)
Zum ersten (?) Mal entstand durch diese Reisen und das heimische Interesse für das Fremde ein Markt für ‘tribale’, außereuropäische “Kunst und Kultur”. Nicht nur James Cook selbst, auch die mitreisenden Wissenschaftler und die Schiffsbesatzungen durften vor Ort tauschen und sammeln. Auf Auktionen und bei Händlern wurden unter anderem Stücke von Cooks Reisen angeboten und verkaut. Die Provenienz COOK erhöhte den Preis, was, wie so oft, dazu führte, dass mehr Stücke mit dieser Provenienz verkauft und gehandelt wurden, als von den Cookschen Reisen mitgebracht worden waren.
Ein BEISPIEL (Abb.5):

Bild "WI-000182-1 Guayana (Wayana-Apalai), Brust, (harikete), Cook+Parkinson-Museum London, 1806, Museum Wien"
Das Stück wurde 1806 bei der Auflösung des James Parkinsonschen Museums (auch "Leverian Museum" - ein Naturalienkabinett mit u.a. ethnographischen Stücken aus Cooks Reisen) auktioniert und nach Wien verkauft.
ABER: Cook war bei seinen Reisen (Abb.7) nie in Guayana und schon gar nicht im Inland, wo die Roucouyenne-Wayana lebten.
![]()
Bild "Abb.7 Die drei Südseereisen von James Cook"
In Verbindung mit COOK (und seinen beiden Begleitern Georg und Johann Georg FORSTER) habe ich GÖTTINGEN bereits erwähnt: Die Worte “Völkerkunde” und “Ethnographie” werden in Deutschland, ausgehend von Göttingen, etwa ab 1771/72 verwendet.

Bild "Abb.(ohne Nummer) Linné in lappländischer Kleidung, zwischen 1735 und 1740"
Ein wichtiger Mann des 18. Jahrhunderts für die weitere Entwicklung der Völkerkunde war Carl von Linné (Schwedischer Arzt, Zoologe und Botaniker), geboren 1707, ausgebildet in Schweden, verbrachte er im Jahr 1732 etwa 4 Monate im damals noch kaum erforschten Lappland. Seine Klassifikation der Pflanzen und die Systematik, mit welcher er seine Schüler (z.B. Adam Afzelius, Carl Peter Thunberg und viele mehr) in die Welt hinaus sandte (Abb.5), wirkten sich auch auf die ethnografischen Museumssammlungen aus.
![]()
Bild "Abb.5 Linnelärjungarnas resor, Reisen Linnéscher Schüler"
![]()
Bild "Abb.6 Harfe, Westafrika (Sierra Leone), "Mitbringsel" Adam Afzelius, um 1790, Museum ?, Katalog# 1874.1.368"
WO, in welchem LAND wurde das erste Ethnographische Museum gegründet?
in LEIDEN: 1837 ?
“Het Rijksmuseum voor Volkenkunde is een van de oudste volkenkundige musea ter wereld. Het werd in 1837 opgericht door de Duitser Philipp Franz von SIEBOLD ...” (MuseumGids, Leiden, NL)
Zwischenfrage: Der Arzt Siebold kam aus ....????
Würzburg !

Bild "Abb.(ohne Nummer) Portrait Philipp Franz von Siebold"
ODER in ...
KOPENHAGEN: 1841 ? (Daher die Jahreszahl in meinem Titel)
Hier wissen wir sogar das Datum: 18.8.1841 eröffnet die Ethnographische Sammlung im Kunstmuseum. Der Dänische Ethnologe Kaj BIRKET-SMITH nennt dies die “Begründung des ältesten allgemeinen ethnographischen Museums in Kopenhagen durch Christian Jürgensen Thomsen” (Jedem bekannt durch seine Einteilung “Stein - Bronze - Eisen-Zeit”)

Bild "Abb.(ohne Nummer) Portrait Christian Jürgensen Thomson"
Diese Gründung war das Ergebnis einer Reise und zweier Begnungen:
Zum Einen ein Treffen mit dem französischen Geographen Edmé François Jomard in Paris und zum Anderen ein Besuch in Leiden; THOMSEN sah dort die japanischen Sammlungen von Ph. Fr. von SIEBOLD
Entscheiden muss ich diesen Streit glücklicherweise nicht, aber eines ist sicher,
es waren die kleinen Länder (Dänemark und Niederlande)
und
deutsche Wissenschaftler scheinen in diesem Bereich damals in Dänemark und den Niederlanden bessere Möglichkeiten gehabt zu haben, als in Deutschland.
Wie komme ich darauf?
Bereits am 21. April 1835 hatte SIEBOLD in einem Brief (Abb.8) an Ludwig I seine Vorstellungen eines selbstständigen ethnographischen Museums entwickelt und dessen Gründung vorgeschlagen.
![]()
Bild "Abb.8 Briefauszug von Philipp Franz von Siebold an Ludwig I"
Was Ludwig im April 1835 getan hat und ihn so sehr von diesem ‘historischen’ Moment ablenkte, habe ich nicht im Detaill feststellen können. Sicher ist, er hatte anderes zu tun: Bauwerke in München, Förderung des Eisenbahnbaues, Verschärfung der Zensur, eine aufsässige Opposition in der Bevölkerung, eine Affäre mit einer Frau?
Diese hübsche Dame - Lola Montez (geb. 1821) - war es jedenfalls nicht, sie kam erst 1846 nach München und war am Sturz Ludwigs nicht unwesentlich beteiligt. Aber das betrifft die Abteilung Bayrische Ethnologie.

Bild "Abb.(ohne Nummer) Lola Montez, alias Elizabeth Rosanna Gilbert, alias Gräfin Marie von Landsfeld"
Jedenfalls steht heute in München nicht das erste Völkerkunde-Museum der Welt, denn der fränkische Bayer SIEBOLD ging nach Leiden in die Niederlande.
(Der SIEBOLD-Brief wurde 1996 und 2007 in Büchern des Münchner Museums veröffentlicht, aber der entgangene “historische Moment” ist anscheinend bisher nicht aufgefallen.)
Ab 1839 wurde vom Kopenhagener Museum mit systematischen Sammlungen in Grönland begonnen, in den 1840er Jahren u.a. auch in Afrika an der Guinea- (Gold) -küste.
Interessant war für mich auch dieser Beitrag zur Sammlungsgeschichte, welchen BIRKET-SMITH erwähnt:
“Auch während seiner Reisen in Europa versäumte Thomsen die Bedürfnisse des Museums nicht. (Thomsen schrieb in einem Brief) '... ... bei einem Kunst- und Antiquitätenhändler in Rotterdam fand ich nämlich in einer Boutique einen seltenen Schild aufgehängt. Als ich untersuchte, woher dieser Mann ihn erhalten hatte, erfuhr ich, daß er zusammen mit einer ganzen Sammlung anderer Gegenstände von einem Mann in Rotterdam gekauft worden war, der eine Naturalienhandlung besessen hatte, und daß eine große Menge solcher Sachen auf dem Dachboden des Kunsthändlers herumlägen'”. BIRKET-SMITH, S.34
Der Traum eines jeden Sammlers.
Ein systematisches Sammeln wird sicher durch entsprechende Institutionen und Ausbildung gefördert. Daher die Fragen:
Eine Auswahl:
1837 St. Petersburg
(nach: Michael KRAUS: “Über das Museum an die Universität. Etablierungsprobleme eines jungen Faches, aufgezeigt anhand der Schriftwechsel von Theodor Koch-Grünberg”, In: Ders./Mark Münzel (Hrsg.) "Zur Beziehung zwischen Universität und Museum in der Ethnologie", 2000)
Zwar war Adolf BASTIAN neben seiner Arbeit im “Museum” seit 1869 auch Dozent für Völkerkunde an der Universität Berlin, so wird gern das Jahr 1869 als Konstitutionsjahr der deutschen Völkerkunde festgestellt, Lehrstühle und Promotionsmöglichkeiten gab es jedoch nicht. “Seit 1904 bestand an der Universität LEIPZIG zum ersten Mal die Möglichkeit, Völkerkunde als selbstständiges Prüfungsfach für die Promotion zu wählen.” (KRAUS, S.22)
Es folgte Hamburg 1919 und - als drittes - Göttingen 1934, dann Jena und Köln.
“Die Lehrstuhlgründungen begannen für die Völkerkunde also ungefähr 50 Jahre nach den Museumsgründungen und erfolgten weitgehend entlang der Reihe der existierenden Völkerkundemuseen.” (KRAUS, S.23)
Der bekannte Südamerikanist Theodor KOCH-GRÜNBERG, damals gerade Direktor des LINDEN-Museums Stuttgart geworden, schreibt in einem Brief vom 16.11.1915 an den schwedischen Ethnologen Erland Nordenskiöld:
“Wenn wir nicht durch die Museen die Ethnologie im besten Sinne populär machen, wird sie nie eine selbstständige Wissenschaft, auch nie eine selbstständige Universitätswissenschaft werden.”
Ich überspringe jetzt den Zeitraum, in welchem unsere deutschen Museumsmagazine erfolgreich gefüllt wurden.
Die aktuelle Situation - zumindest - der deutschen Museen ist, dass,
Was derzeit bleibt, ist
Nur wenige Museen der Welt
Systematisches Sammeln vor Ort (fand und) findet nicht statt!
Meine Suche hat mich erst einmal nur zu einigen Thesen geführt:
AUSBLICK mit einem Zitat des Dänischen Ethnologen Kaj BIRKET-SMITH (BIRKET-SMITH,S.51):
“Was sollen wir überhaupt mit einem ethnographischen Museum anfangen? ...
Was sollen wir mit der Ethnographie anfangen? ...
Wir haben ja in unserem eigenen Land unsere eigene nordische Kultur, die wir selber geschaffen haben, die wir lieben und die wir immer behaupten wollen.
Kann es uns dann nicht gleichgültig sein, wie Indianer und Hottentotten leben oder ihr Leben gehabt haben!
Gewiss dann nicht, wenn wir wirklich uns selbst und unsere Kultur verstehen lernen wollen!
Beides gilt, weil das Fremde als Hintergrund für das Vertraute notwendig ist und weil unsere wie die ganze europäische Kultur mit tausend Fäden mit allen diesen Kulturen verknüpft ist, für die man allzuoft nur ein Achselzucken übrig hat.
Wir müssen von der falschen Vorstellung wegkommen, die von der Unwissenheit und Ungebildetheit hervorgerufen wird, dass nämlich die europäische Kultur sich in einer Art geistiger Inzucht im Schutz einer chinesischen Mauer entfaltet habe, die sie von der barbarischen Welt der Naturvölker fernhielt.”
Vielen Dank an Dr. Andreas Schlothauer !