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Auf den Trümmern von Atlantis – Leo Frobenius zwischen Forschung und Vision

Vortrag FM-2009HT-2 , 07.11.2009, Frankfurt am Main, Museum der Weltkulturen, Vereinigung der Freunde Afrikanischer Kultur, Herbsttagung. Von Dr.Stefan Eisenhofer.

Man schrieb das Jahr 1910, als Kunstwerke aus Westafrika europäische Weltbilder erschütterten.

Es war der berühmte deutsche Forschungsreisende Leo Frobenius, der in diesem Jahr in Nigeria als erster Europäer auf die Bronzen und Terrakotten der Ife-Kultur stieß, die ihn wegen ihrer vollendeten Technik des Gusses und ihres idealisierten Naturalismus aus der Fassung brachten. Wie vom Donner gerührt berichtet er über diese erste Begegnung mit diesen Meisterwerken der Gießkunst:

„Der Alte...haspelte dann ein Etwas aus dem Sack, das stellte er auf die Steine, und dann – ja, dann musste ich mir einmal über die Augen streichen und mich ins Bein kneifen, ersteres, um zu sehen, ob ich nicht träume, letzteres, um meiner Jubelstimmung eine unmerkliche Ablenkung zu geben. Vor uns stand ein wundervoll gegossener alter Bronzekopf von ausnehmender Schönheit und Lebenswahrheit, überzogen von einer dunkelgrünen, schönen Patina.“

Die vollendete Meisterschaft der Gusstechnik und die porträthafte Ausdruckskraft der Kunstwerke aus Ife passten so gar nicht in das von Kolonialismus und Rassismus geprägte Bild vom kulturell unterlegenen afrikanischen Kontinent jener Zeit. Mit viel Mühe hatten die Befürworter des Kolonialismus einer kritischen Öffentlichkeit in Europa zu vermitteln versucht, dass Afrika der starken, anleitenden und vor allem auch züchtigenden Hand „des weißen Mannes“ bedürfe, um sich aus „Wildheit“ und „Barbarei“ erheben zu können. Und nun stieß man mitten in Afrika auf diese Bronzearbeiten, die den besten europäischen Arbeiten ebenbürtig, wenn nicht sogar überlegen waren.

Das war ein Stich ins Herz europäischer Überlegenheitsfantasierer und ein herber Schlag für die Vertreter kolonialer Interessen. Man rettete sein lieb gewordenes Weltbild und seine machtpolitischen Ziele sogleich damit, dass der afrikanische Ursprung dieser Fundstücke von vornherein abgestritten wurde.
Auch Leo Frobenius wollte zunächst nicht glauben, dass diese vollendeten Arbeiten aus der Hand afrikanischer Gießer stammen könnten. Entsprechend bemerkte er angesichts beschädigter Ife-Terrakotta-Köpfe:

„Aus diesen kümmerlichen Bruchstücken sprach ein Ebenmaß, eine Lebensfrische, der Ausdruck einer direkt an Altgriechisches erinnernden Formfeinheit, der Beweis einer hier von alters angesessenen, unnegerhaften Edelrasse, dass überhaupt kein Zweifel mehr an dem Wert des Gefundenen bestehen konnte. Hier äußerte sich unbedingt Fremdes und uralte Kultur.“

Bei den Fundstücken von Ife bleibt das Urteil von Frobenius schillernd und nicht leicht zu greifen. Er sah in diesen Werken nichts „Afrikanisches“, sondern ein Überbleibsel des sagenhaften antiken Atlantis, das er hier in Westafrika zu finden glaubte. Doch immerhin bewertete er diese Arbeiten, die nun einmal in Afrika gefunden worden waren, als „wahre“, den Meisterwerken der griechischen Antike ebenbürtige Kunst. „Auf den Trümmern von Atlantis wandelnd“ sah er in ihnen „das Wesen antiker Plastik auf afrikanischem Boden“. Und so bezeichnete er diesen angeblichen Kopf der Yoruba-Meeresgottheit Olokun als „Poseidonkopf“.

Wie viele Atlantis-Sucher fand auch Frobenius dieses märchenhafte verschollene Inselreich der Antike wohl eher in sich selbst und nutzte die Ife-Funde nur als Folie für seine eigenen Sehnsüchte und Visionen. Auch in Frobenius Einbildungskraft verschmolzen Zuletzt-Entdecktes und Uranfängliches bzw. scheinbar Uranfängliches zu einer untrennbaren Einheit. Er ließ die Bronzen und Terrakotten als Überbleibsel und Zeugen eines vergangenen legendären Lichtreiches umso heller erstrahlen. Mit historischer Wirklichkeit sind diese Vorstellungen jedoch nur schwer kompatibel.

Schon in dieser Passage wird vieles von jenen Widersprüchen deutlich, die für Persönlichkeit und Werk von Leo Frobenius charakteristisch sind. Er war der populärste deutsche Ethnologe in den ersten Jahrzehnten des 20 Jahrhunderts. Seine Bücher erreichten hohe Auflagen und einen weiten Kreis interessierter Laien wie etwa Hermann Hesse, Elias Canetti und Thomas Mann. Doch schwankte Frobenius stets und konsequent inkonsequent zwischen höchster Bewunderung und tiefster Verachtung für Afrika, dessen Menschen und dortige Phänomene. Tatsächlich sind seine Werke an Ambivalenz kaum zu überbieten. Oft findet man auf einer einzigen Seite Passagen, die hohen Respekt gegenüber Afrika bezeigen, und nur wenige Zeilen später folgen fragwürdigste Herabwürdigungen.

Leo Frobenius, 1873 als Sohn eines preußischen Offiziers geboren, lernte schon früh über seinen Großvater Heinrich Bodinus, damals Direktor des Berliner Zoos, zahlreiche Afrikaforscher kennen. Schon als Kind begann er daher, sich für Afrika und seine Kulturen nicht nur zu interessieren, sondern zu begeistern. In jungenhaftem Überschwang und in – wie er selbst sagt -„rührender Simplizität“ verschlang er Reise- und Expeditionsberichte. Als erst 21-jähriger, im Jahr 1894, ergatterte er einen ersten „Museumsjob“ am späteren Bremer Überseemuseum und schrieb sogar mehrere Aufsätze über die „Ethnografie des südlichen Kongobeckens“ - ohne allerdings die bis dahin bereits über diese Region geschriebenen Werke zu kennen.

In der Folge arbeitete der ethnologische Autodidakt wie besessen: Er las, exzerpierte, sammelte und ordnete. Und vor allem: Er schrieb! Nicht weniger als 10 Bücher verfasste er allein in den Jahren zwischen 1898 und 1904, das heißt binnen 6 Jahren.

In diesem Jahr, 1904, trat er die erste seiner insgesamt 12 großen völkerkundlichen Expeditionen an, und zwar in den Kongo, jener Region also, der seine früheste Begeisterung gegolten hatte. Im Unterschied zu den – wie er sagt -  „Beamtenseelen“ in den Museen, bewahrte er bis zuletzt eine Begeisterungsfähigkeit für Afrika, die in ihm schon als kleiner Junge gewachsen war. Als Vollblut- und - vor allem - Volldampf-Forscher organisierte und führte er bis 1935 nahezu ununterbrochen Forschungsreisen in diesen Kontinent durch, den er als „großes soziologisches Laboratorium“ begriff.

Frobenius war eine extrem komplizierte Persönlichkeit voller Widersprüche: Romantischer Schwärmer und zupackender Realist, biederer Konservativer und rücksichtsloser Nonkonformist, Verehrer des Kaisers und Verächter von Autoritäten, demütiger Forscher und eitler Propagandist seiner Pläne, Bücherwurm und Expeditionsleiter, ebenso unbegabter wie erfolgreicher Organisator. Er selbst verwandelte zwar, wie der Ethnologe Laszlo Vajda konstatiert, diese Zerrissenheit „mit olympischer Naivität in Harmonie“. Bei den studierten Ethnologen seiner Zeit war er aber gerade auch deswegen höchst umstritten - schon damals war die Wissenschaft Haifischbecken und Schlangengrube. Gerade jene, die er verächtlich als „Wissenschaftsbürokraten und Museumsverwalter“ titulierte, sahen in ihm nicht mehr als einen Scharlatan und Clown. Sie spotteten, dass sein Großvater bekanntlich enge Beziehungen zu großen Afrikareisenden und seine Großmutter eine reiche Fantasie besessen hätten, weshalb seine – in Anführungszeichen - „Forschungen“ - eine Mischung aus diesen beiden „Zutaten“ darstellen würden.

Andere hingegen loben ihn noch heute als Kämpfer gegen die Erstarrung seines Faches, preisen ihn als wortgewaltigen Erzähl-Künstler und als Bereicherer seiner Disziplin, sehen in ihm einen Aufbrecher im doppelten Sinn - schätzen sein Aufbrechen verkrusteter Strukturen und seinen Aufbruch zu neuen Ufern.

Außerhalb der Fachgrenzen hatte es der Grenzverletzer und Visionär Frobenius freilich oft einfacher. Zu seinen Bewunderern gehörte in erster Linie der deutsche Kaiser Wilhelm II., der ihm nicht nur Mäzen, sondern auch Freund wurde. Daneben pflegte Frobenius enge Kontakte zu einflussreichen und berühmten Außenseiter-Denkern wie dem Mythenforscher Karl Kerenyi, dem Altphilologen Walter F. Otto und vor allem dem Universalhistoriker Oswald Spengler, der einer Erneuerung Europas aus dem Geiste Afrikas nachsinnierte.

Nicht nur hinsichtlich seiner Verbindungen zum deutschen Kaiser und als kaisertreuer Nationalist war für Frobenius Völkerkunde Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Im 1. Weltkrieg versuchte er durch eine mehr oder weniger geheime Mission, die Stellung Deutschlands im Vorderen Orient zu stärken. Vom Sudan aus versuchte er, die Ägypter gegen die Engländer aufzustacheln. Dies scheiterte jedoch kläglich und seine Gegner bemerkten hämisch, dass diese „stümperhafte Eskapade“ seine Entsprechung im Dilettantischen, Provisorischen und Naiven seiner – in Anführungszeichen – „wissenschaftlichen Tätigkeit“ habe. Seine Bücher hätten demnach nichts mit Wissenschaft zu tun, sondern seien „enthusiastische Predigten“, „Geheimlehre eines sich für auserwählt Haltenden“, „nationalistischer und dünkelhafter Kitsch“ oder „neoromantisches Geraune“.

Beispielhaft für diese Einstellung sei ein Brief des seinerzeit sehr einflussreichen Hamburger Anthropogeografen Siegfried Passarge an Professor Lucian Scherman, dem damaligen Direktor des Museums für Völkerkunde München, zitiert, der diesen um Beurteilung von Leo Frobenius gebeten hatte:

 

Hamburg, den 21. Januar 1919

Sehr geehrter Herr Kollege,

ungern beantworte ich Ihre Frage. Meine Ansicht über Herrn F. ist in einigen Streitartikeln in der Kolonialzeitung niedergelegt. Da Sie aber eine kurze Zusammenfassung wünschen, will ich es tun. Schwer wird es mir, denn es ist nie ein Genuss, die wissenschaftliche Bedeutung eines Mannes zu verquicken mit der Frage nach dem Wert seiner Persönlichkeit. Bei F. kommt man aber nicht darum herum.

Von Hause aus reich begabt, erstaunlich belesen und gedankenreich, besitzt Frobenius leider gleichzeitig eine so zügellose Fantasie, dass er nicht gelernt hat, sich das Zaumzeug wissenschaftlicher Kritik und Mäßigung anzulegen. Dazu kommt, dass ihn Eitelkeit und Schauspielerlust so gänzlich knechten, dass ihn in der Tiefe seiner Seele der Wunsch beherrscht aufzufallen, aufzufallen um jeden Preis. Wahrheit und Dichtung werden nicht mehr auseinandergehalten, und so befindet sich denn der wissenschaftliche Leser den Arbeiten von F. gegenüber in der peinlichen Lage, erklären zu müssen, dass es ihm unmöglich sei, ihren Wert zu beurteilen.

Solange Herr F. nicht in Afrika war, konnte man ihn kontrollieren und Flüchtigkeiten und Fantastereien festnageln. Seit er aber selbstständig geforscht hat, fällt die Kontrolle durch die Literatur fort. Seine Sammlungen sind sehr umfangreich und zum Teil verblüffend interessant, aber schlecht, zum Teil gar nicht beschriftet, und die vorhandenen Angaben unkontrollierbar.

Mit den besten Grüßen

Ihr ergebenster Siegfried Passarge

 

Sicherlich ist es – gerade auch aus heutiger Sicht – wesentlich leichter, Leo Frobenius mit all seinen Widersprüchen, Ungereimtheiten und Eitelkeiten zu kritisieren, lächerlich zu machen oder gar zu verdammen, als ihm und seinen Werken gerecht zu werden.

Immerhin war Frobenius trotz ganzer Heerscharen von Gegnern auch innerhalb der Ethnologie sehr einflussreich. Er versuchte, die unüberschaubar gewordene Flut an völkerkundlichen Informationen seiner Zeit zu systematisieren und dadurch gewissermaßen die Welt zu ordnen. Er wies darauf hin, dass viele Elemente geistigen und materiellen Kulturbesitzes keineswegs regellos über die Welt verstreut sind, sondern dass sie in bestimmten Gebieten der Erde häufiger auftreten und in manchmal charakteristischen Kombinationen mit anderen Elementen auftreten oder auftraten. Er fasste daher Gebiete mit bestimmten Kombinationen von Elementen zu sogenannten „Kulturkreisen“ zusammen, die er in dem Bestreben, sogenannten „schriftlosen Völkern“ eine geschichtliche Tiefe zu geben, in zeitliche Zuordnung zueinander zu bringen versuchte.

Tatsächlich war Leo Frobenius einer der ersten europäischen Gelehrten, die mit dem Mythos afrikanischer Geschichtslosigkeit brachen und das damalige Geschichtsbild erweiterten. Frobenius setzte sich leidenschaftlich für eine weniger ahistorische Sichtweise dieses Kontinents ein. Unermüdlich sammelte er Belege für eine eigenständige Geschichte Afrikas, dokumentierte steinzeitliche Felsbilder und Plastiken ebenso wie etwa die Überreste der Monumentalbauten von Great Zimbabwe und mündliche historische Überlieferungen der Sudanreiche.

Um seine diesbezüglichen Leistungen erahnen zu können, ist es lohnend, sich einen – wie Frobenius spöttisch bemerkt – „sehr gelehrten Artikel“ aus einer Berliner Zeitung des Jahres 1891, zu Gehör bringen zu lassen. In diesem Artikel war geschrieben:

„Afrika bedeutet uns nach neuzeitiger Ansicht, soweit es von Negern bewohnt wird, keinerlei geschichtliche Rätsel, denn nach allem, was wir von den Forschungsreisenden und Ethnografen aus diesem Erdteile gehört haben, fängt für dessen Bevölkerung die Geschichte der eigentlichen Kultur erst mit der Invasion des Mohammedanismus (schreibe besser: Islam) an. Vor den Arabern, die diese Religion und höhere Kultur den Eingeborenen zutrugen, gab es weder eine organisierte Staatenbildung (!), noch eine eigentliche Religion (!), noch ein entwickeltes Gewerbe (!). Wir müssen uns bei der Betrachtung der eigentlichen Neger und ihrer vormohammedanischen Zustände also auf die Schilderung ihres rohen Fetischismus, ihrer brutalen, oft kannibalischen Sitten, ihrer geschmacklosen und abstoßenden Bildwerke und ihrer recht elenden Wohnstätten beschränken. Die natürlichsten Instinkte leiteten das Handeln und Treiben der Neger, die noch von keinerlei ethischen Regungen beseelt wurden. Der poetische Reiz, der märchenhafte Zauber, den für alle anderen Erdteile eine sagen- und sangesreiche Vergangenheit bietet, also das Anziehende jedes geschichtlichen Jenseits, die Aussicht, in nebelhafter Ferne ein wesentliches oder unwesentliches Zauberland aufsteigen zu sehen, die Hoffnung, der Erde hier und da Altertümer abgewinnen zu können, auf alles das muss jeder Beobachter und Beurteiler der sogenannten afrikanischen Kultur von vornherein verzichten. Wenn wir Kolonisierenden heute mit unseren Pflügen die afrikanische Erde aufreißen, so wird aus der Furche keine alte Waffe auftauchen. Wenn wir Kanäle durch die neue Erde ziehen, wird unser Grabscheit nirgends auf alte Gräber stoßen; und wenn wir den Urwald lichten, wird die Hacke nirgends auf die Fundamente eines alten Palastes stoßen. Afrika ist geschichtlich ärmer als irgend eine Fantasie sich vorstellen kann. ‚Neger-Afrika’ ist ein rätselloser, geschichtsloser Erdteil!“ – sic!

Frobenius druckte diesen Artikel 20 Jahre später in einem seiner Werke ab, nicht ohne dem Autor im Nachhinein vor dem Hintergrund seiner archäologischen Funde in Afrika durch zahlreiche „sic“, „hört, hört“ und Ausrufezeichen verbale symbolische Ohrfeigen zu verpassen. Solche Artikel kamen Frobenius gerade recht, um seine Sicht von einer eigenständigen und bewegten Vergangenheit Afrikas zu unterstreichen, zu popularisieren und um schließlich zu betonen:

„Die Vorstellung vom „barbarischen Neger“ ist eine Schöpfung Europas! Noch im vorigen Jahrhundert herrschte der Aberglaube von der höheren Kultur Afrikas aus dem Islam. Seitdem haben wir aber viel gelernt und wissen heute, dass die schönen Umhänge und Kleider der sudanesischen Völker schon in Afrika heimisch waren, ehe noch Mohammed geboren war und ein Araber höherer Bildung Innerafrika betreten hatte. Seitdem haben wir gelernt, dass die eigentümliche Organisation der Staaten Westafrikas schon lange vor dem Islam bestand, dass alle diese Künste verständigen Feldbaues wie sorgsamer Erziehung, dass bürgerliche Ordnung wie Handwerke in Negerafrika um Jahrtausende älter sind als in unserem Mitteleuropa.“

Seine Begeisterung für „afrikanische Altkulturen“ fiel dabei vor allem auch bei afrikanischen Intellektuellen und Politikern auf fruchtbaren Boden. Leopold Senghor und andere Protagonisten der Negritude, die um eine ureigene afrikanische Identität rangen, kamen die Schriften Frobenius trotz aller immer wiederkehrenden verbalen Entgleisungen gegenüber Afrikanern in seinen Werken wie gerufen.

Denn eigentlich sind seine „afrikanischen Schriften“ geprägt von der Suche nach der „alten, echten warmblütigen Kultur“ Afrikas“. Während er bei seinen ersten Reisen noch extrem unkritisch gegenüber der Kolonialverwaltung und durchdrungen vom Herrschaftsanspruch Europas war, wandelte er sich in seinen späteren Lebensjahren teilweise radikal:

„Wir behaupten, dass die Forschung alte Kulturen überall da in Äquatorial-Afrika herrschend und lebensfrisch angetroffen hat, wo nicht arabische Überlegenheit, hamitisches Geblüt oder europäische Zivilisation dem dunklen Falter den Staub von den vordem so schönen Flügeln fortgestrichen hatte.“

 Der „Alt-Afrikaner“ geistert quasi als „Edler Wilder“ durch seine Schriften, gepaart in der Regel mit seiner anti-islamischen Grundhaltung, indem er gerne die „kulturtragenden“ Araber in Anführungszeichen setzt. Und er wird nicht müde, Afrika und Afrikaner gegen herabwürdigende Ansichten –außer er äußert sie selbst - zu verteidigen. Das „alte Afrika„ galt Frobenius dabei überhöht als „Ort höchster Ordnung“, wo „alles Kunst“ sei und „Dasein stets Einheit“ darstelle.

So schwärmt er etwa über die von anderen als Menschenfresser titulierten Bassonge Zentralafrikas:

„Diese „kannibalischen Bassonge“ gehören.... zu den geschmackvollsten und geschicktesten, taktvollsten und intelligentesten, die wir unter den sogenannten Naturvölkern überhaupt kennen. Sie wohnten vor der arabischen und europäischen Invasion nicht in „Dörfchen“, sondern in Städten von 20.000 – 30.000 Einwohnern, in Städten, deren Hauptstraßen von Alleen herrlicher, regelmäßig eingepflanzter, in gleichen Abständen kolonnadenartig gegliederter Palmbestände beschattet waren. Ihre Tonarbeiten könnten jedem europäischen Kunstgewerbler reiche Anregung bieten. Ihre eisernen Waffen waren so ausgestaltet, dass kein fremdes Kunstgewerbe sie vollendeter in ihrer Art erdenken kann. In die Eisenblätter waren zierliche Ornamente in Kupfertauschierung eingelegt, und die Griffe waren geschmackvollst mit Kupfer plattiert. Dazu waren es die fleißigsten und geschicktesten Farmbauern, die in sorgfältiger Bestellung der Anlagen jedem europäischen Gärtner Konkurrenz machen könnten. Der Verkehr der Männer und der Frauen, der Eltern und der Kinder war durch einen Takt und eine Feinfühligkeit charakterisiert, die weder in bäuerlicher Unbefangenheit, noch in städtischer Verfeinerung bei uns übertroffen werden könnte. Die Grundbildung ihres Staaten- und Städtewesens war ursprünglich eine parlamentarisch-republikanische Organisation. Es ist festzustellen, dass diese würdig geleiteten Städte zwar oftmals Krieg miteinander geführt haben, dass es aber trotzdem, seit undenklichen Zeiten, unbedingt Sitte war, auch mitten im Kriege die Handelsstraßen offen zu halten und eigene wie fremde Händler unbehelligt ziehen zu lassen. Und der Handel dieser Eingeborenen bewegte sich auf einer Straße, die uralt war, die vom Itimbiri bis Batubenge, d. h. also auf einer Linie von annähernd 1000 Kilometer verläuft. Diese Straße ist erst von den „kulturtragenden“ Arabern [in Anführungszeichen!!] gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts zerstört worden. Noch zu meiner Zeit gab es aber Schmiede, die die Namen der Orte an dieser hervorragenden, den „undurchdringlichen Kongowald“ [in Anführungszeichen] quer durchschneidenden Handelsstraße kannten. Denn auf ihr wurde alles Eisen ins Land gebracht.“

Hin und hergerissen zwischen profanen Alltagserfahrungen und Begegnungen mit von Europa zerstörten und von ihm so genannten „verelendeten Hosenniggern und schmarotzenden Niggerclerks“ sucht er verzweifelt das „wahre Afrika“:

„Ja, noch 1906 kam ich in Dörfer, deren Hauptstraßen auf Meilenentfernung beiderseitig mit vierfachen Reihen von Palmenalleen eingefasst waren, deren Hütten eine wie die andere Kunstwerke entzückendster Flechterei und Schnitzerei waren. Kein Mann ohne prunkende Eisen- und Kupferwaffen mit tauschierter Klinge und schlangenhautüberzogenem Griff. Allenthalben die Samte und Seidenstoffe. Jeder Becher, jede Pfeife, jeder Löffel ein Kunstwerk, durchaus würdig, den Vergleich mit den Schöpfungen des romanischen Stiles in Europa auszuhalten.

Und doch ist das alles nur wie besonders zart und farbig schimmernder Flaum, der eine herrliche reife Frucht schmückt: den Gestus, das Gebaren, den Gesittungskanon des gesamten Volkes vom kleinsten Kinde bis zum ältesten Manne in selbstverständlicher Abgegrenztheit, Würde, Grazie; bei den Familien der Fürstlichen und Wohlhabenden genau wie bei denen der Hörigen und Sklaven.“

In seinen hehren Ideen zeigt sich in vielen seiner Schriften über Afrika, dass Frobenius einen universal ausgerichteten Geist besaß, der nicht wirklich am Verständnis einer einzigen Kultur interessiert war, sondern an der Kultur und der Weltgeschichte schlechthin. Er spekulierte über die Ursachen und Kräfte, die zur Entstehung einer Kultur führten und fragte dabei nach übergeordneten Gesetzmäßigkeiten des Kulturablaufs. Er war auf der Suche nach dem Innersten und der geistigen Mitte einer jeden Kultur, dem sogenannten Paideuma.

Paideuma verstand er als eine Art seelischer Kraft, die jeder Kulturgemeinschaft ihr unverwechselbares Gepräge verleiht und als dynamisches Zentrum alle Äußerungen einer Kultur, von philosophischen Äußerungen bis hin zu einfachen Geräten des täglichen Gebrauchs bestimmt.

Kulturen fasste Frobenius dabei wie lebendige Organismen auf, die „leben, gebären und sterben“ und wie Menschen eine Lebenskurve durchlaufen mit der Kindheit als Ergriffenheitsphase, der Jugend als Eingliederungsphase, dem Mannesalter als Anwendungsphase und dem Greisenalter als Abnutzungsphase.

Vor allem in seinen späteren Werken arbeitete Frobenius für Afrika eine Zweiteilung heraus – und zwar in Vieh züchtende Hamiten und bodenbauende Äthiopen, letztere benannt und angelehnt an Homer, der von Bewohnern Afrikas als „von der Sonne verbrannten, unsträflichen Äthiopen“ spricht. Die äthiopische Kultur entsprach weitestgehend seiner „afrikanischen Altkultur“ und war nach seiner Auffassung männlich, mystisch und idealistisch geprägt. Die Arbeit würde von den Äthiopen stumm und fleißig erledigt, sie seien friedlich und ihre Assimilationsbereitschaft sei hoch.

Der Äthiopik diametral entgegengesetzt ist die Hamitik, die weiblich, materialistisch und rationalistisch geprägt sei. Die Hamiten besäßen als Jäger und Hirten eine Raubtiermentalität, Besitz müsse durch Kampf errungen und gesichert werden. Die Hamiten seien zwar geistig gewandt und körperlich tüchtig, ihr Fanatismus, ihr Ehrgeiz und ihre Genusssucht kenne jedoch keine Hingabe und Ergriffenheit.

Bei seinen Lobliedern auf das „alte Afrika“ entdeckt Frobenius eine tiefe Verwandtschaft zur „deutscher Kultur“, in der Hamitik sieht er Ähnlichkeiten mit der „französisch-englisch-jüdischen Zivilisation“.

Frobenius betrieb hier also eine durchaus nicht ungefährliche Forschung als Fortsetzung von Politik und förderte Thesen, die nicht nur dem Rassenwahn der 1930-er Jahre in die Arme arbeiteten, sondern bis ins Ruanda der 1990Žer Jahre katastrophale Auswirkungen hatten.

So manch anderes Bestreben von Frobenius war offensichtlicher nicht von profanen Interessen frei. Zwar wurde er nicht müde zu betonen, dass seine Reisen ihm die „Augen zum Erkennen, die Ohren zum Erlauschen und die Fingerspitzen zu wirklichem Fühlen“ öffnen würden statt einfach nur zu Sehen und zu Hören wie viele seiner Armsessel-Fachkollegen. Der Gebrauch seiner Hände beschränkte sich freilich keineswegs auf seine „Fingerspitzen zum Fühlen und Tasten“. Vielmehr griff er oft und gerne mit beiden Händen herzhaft zu, wenn es darum ging, Gegenstände aus Afrika nach Europa zu holen. Erkenntnisinteresse und Sicherung fremder Kulturgüter waren dabei keineswegs seine einzigen Beweggründe – viel öfter stand dahinter der Zwang, seine Reisen zu finanzieren. Seine ihm von Bewunderern nachgesagte Fähigkeit, sich vom „Fremden“ und „ganz Andern“ berühren zu lassen, war daher durchaus auch gegenläufig. Er ließ sich nicht nur gerne berühren, er berührte auch selbst gerne Fremdes und Anderes.

Während er als Sammler von Erzählungen, Epen, Volksliedern und anderen mündlichen Überlieferungen bemerkenswert behutsam und einfühlend vorging, war seine Sammeltätigkeit materieller Güter alles andere als unumstritten. Es war nämlich damals keineswegs leicht, etwa in Nigeria bei den Yoruba an bedeutsame Gegenstände zu gelangen. Und das lag nicht nur an den Engländern, die dort als eifersüchtige Kolonialherren andere Europäer misstrauisch zu überwachen suchten. Das lag auch an den Strukturen der Yoruba-Gesellschaft in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts:

„Wohl sah ich in den Tempeln bald das eine, bald das andere hübsche Kultusgerät, aber an Verkaufen dachten die Leute gar nicht. Das ist auch nicht so schwer verständlich, wenn man bedenkt, dass man sich in Ibadan durchaus nicht in einer Stadt armer, besitzloser Neger befindet. Die Bewohner Ibadans, zumal diejenigen, die wirklich alten, wertvollen Tand besitzen, kann man nicht anders als durchaus wohlhabend nennen. Das Jorubaland mit seinen enormen Reichtümern an Ölpalmen hat derart starke Einnahmequellen, dass alle angesehenen Familien ziemlich mühelos ein gutes Einkommen gewinnen können, und zwar dies um so mehr, als ein guter Teil der Bevölkerung trotz aller der Sklavenbefreiung zustrebenden Bemühungen der englischen Regierung doch noch im Leibeigenen-Stadium lebt und sich darin auch durchaus wohl fühlt. So liegt denn der wohlhabende Familienvater in Ibadan auf seiner Matte unter dem mächtigen Verandadache inmitten seines Hauses und ganzen reichen Gehöftes, empfängt Besuche, opfert seinem Sippengotte, schläft, isst, schnapst und lässt sein Volk draußen auf den Farmen und den Märkten für sich fleißig Geld verdienen. Wie soll der Mann bei so bequemer Einnahme dazu kommen, sein heiliges Gerät, das er vom Vater her ererbte, für nichts und wieder nichts an den weißen Sonderling zu verschachern? Also für nichts und wieder nichts, für das berühmte Butterbrot, leere Flaschen, Hosenknöpfe oder abgetragene Epauletten ist im Jorubalande nichts zu erreichen oder zu sammeln.“

Doch Leo Frobenius wusste sich zu helfen. Seine Sammelabsichten fest in Hirn und Auge, knüpfte er mehr oder weniger zarte Bande zu jenen Yoruba - Familien, die ihm durch ihren Besitz von wertvollen Gegenständen besonders vielversprechend erschienen:

„Sobald dieser Freundeskreis ein wenig gefestigt war, begannen wir in vielen Unterredungen eine Liste verarmter Aristokraten, heruntergekommener Witwen, aus dem [die Gesellschaft politisch führenden] Ogbonibunde Exkludierter und somit ausgewiesener Patriarchen, sowie ähnlicher Schattenexistenzen aufzustellen. Was die Creme der Gesellschaft uns nicht zur Verfügung stellte, konnte nach meiner Berechnung der Abschaum um so sicherer bieten. Mit der Blockade einiger älteren armen Teufel ward begonnen; das Silber begann zu klirren. In dunklen Abendstunden sandten die verschämten Armen, was mir so sehr nottat: die ersten guten Sammlungsstücke.“

Immer wieder überschätzte Frobenius aber seine Gerissenheit und nicht selten kam es dabei zu unschönen Szenen, die ihn mehr oder weniger beschämt zurückgelassen hätten, wenn denn „Scham“ eine bei ihm ausgeprägte Eigenschaft gewesen wäre:

„Wer aber etwa glaubt, dass diese Leute sich glücklich gezeigt hätten, einmal einige Schillinge in die Hand zu bekommen, der irrt sich gewaltig. Keiner von all den Leuten dachte daran, sich gierig auf unseren schnöden Mammon zu stürzen. Tagelang wurde oft um den einen oder anderen Gegenstand gefeilscht, und dann sah ich mehrfach noch gute Stücke wieder entgleiten, weil die armen Schlucker plötzlich anderweitig für den Bedarf der nächsten Tage Geld aufgetrieben hatten. Schon in diesen ersten Zeiten machte ich eine Beobachtung, die mir für Afrika neu war, und die mich nachdenklich stimmte. Wenn so ein armer Kerl irgendein gutes altes Stück weggeben wollte, und die wohlhabenderen Verwandten dieses hörten, so lehnten diese sich heimlich energisch dagegen auf, und die Reichen, denen sonst das Schicksal der armen verwandten Hungerleider gänzlich gleichgültig war, die gaben ihnen jetzt hohe Summen, damit sie das alte Familienstück nicht weggäben.“

Dies war ein keinesfalls untypisches Beispiel für Frobenius Vorgehen, der immer wieder wegen seiner „Ankaufspolitik“ Probleme bekam:

„Ein armer Bursche hatte mir eines Abends für 15 Schillinge ein altes, hübsches Orakelbrett verkauft. Zwei Tage später kam er mit einem Anhange von 10 bis 12 alten Herren wieder, legte das Geld auf den Tisch und verlangte das Brett zurück. Hiermit war ich natürlich nicht ohne weiteres einverstanden und erklärte zunächst, der Handel sei doch abgeschlossen! Fürs erste gingen die Leute, mit dem Bescheide zufrieden. Am anderen Tage kehrten sie aber wieder zurück und nun wurde mir eröffnet, dass das Brett von einem Verwandten gestohlen, also auch meinerseits ohne Rechtsgültigkeit erworben sei. Damals war ich noch nicht genügend gewitzigt.“

Bei Frobenius waren Leidenschaft und Geschäft, Forschung und Abenteurertum untrennbar miteinander verknüpft. Als pragmatisch denkender und handelnder Mensch wusste er, dass sich mit diesen Schätzen Geld verdienen lassen könnte - und er finanzierte damit kräftig. Infolge seiner hemmungslosen Sammelleidenschaft brachte er etwa von seiner Expedition in den Kongo nicht weniger als 8000 Objekte mit – Zahlen, die den heutigen Kunstmarkt mit seiner Suche und Hochstilisierung auf „das Einzigartige Objekt“ in kurzer Zeit zusammenbrechen lassen würden.

Jedenfalls erlaubt das gigantische und kaum zu überblickende Lebenswerk von Leo Frobenius auch heute noch, dass praktisch jeder zu ihm eine Meinung besitzt. Und seine Bücher sind umfangreich und vielfältig genug, dass man nahezu jede Ansicht über ihn eindrucksvoll belegen kann.

Egal aber, welche Ansicht man nun teilt. Es schadet nicht, wenn man dabei eine der vielleicht größten Stärken von Frobenius im Hinterkopf behält - seine Fähigkeit, Fehler einzugestehen und sich von früheren Arbeiten, Methoden und Verhaltensweisen zu distanzieren. Nicht selten merkt er in späteren Schriften diesbezüglich an:

„Nun muss ich gestehen, dass diese Arbeiten mir teilweise heute recht leid tun.“

Leo Frobenius starb im Jahr 1938 gerade angesichts seiner Hinterlassenschaften relativ jung im Alter von 65 Jahren. Doch er wirkt weiter fort - und nicht nur durch das von ihm gegründete und noch heute bestehende Frobenius-Institut in Frankfurt am Main. Sondern auch durch seine Schriften, an denen man sich reiben, aus denen man lernen und Antworten auf Fragen suchen kann, die auch über sechzig Jahre nach seinem Tod nicht beantwortet sind.

Vielen Dank an Dr. Stefan Eisenhofer!

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